Im Blindflug durch die Welt der Algorithmen

Von Stefan Boysen

Veröffentlicht in der Braunschweiger Zeitung am 24. Juli 2010.

 

Heiko Folkerts steht auf einem menschenleeren Bahnsteig, was für ihn kein Problem ist. Ein Problem ist, dass er sich nicht auskennt. Dass er hier, auf dem schmalen Bahnsteig zwischen den Gleisen, noch nie in seinem Leben war.

 

Er hat Angst, denn ein Zug rast auf ihn zu. Je näher der Zug kommt, desto bedrohlicher nimmt er die quietschenden Bremsen und die scheppernden Waggons wahr. Der Krach wird immer lauter, bis er den kalten Wind des vorbeifahrenden Zuges in seinem Gesicht spüren kann. Heiko Folkerts will nicht hilflos wirken, also ringt er lange mit sich. Und greift dann doch zu seinem Handy, um nachzufragen, wann sie ihn endlich wie verabredet abholen. „Ich bekam dann zu hören, dass sie mich am Bahnhof nicht finden können. Und dass da nur so ein Blinder mit Krückstock verloren herumstehen soll.“

 

An diesen unschönen Tag, als er mit der Bahn zu einem Vorstellungsgespräch gereist war, das niemals stattfand, wird Heiko Folkerts sich wohl sein ganzes Leben lang erinnern. Weniger die Panik zwischen den Gleisen, sondern mehr das Bild vom armseligen Blinden mit Krückstock hängen bei ihm immer noch nach. Ein Programmierer, der nicht sehen kann? Wie soll das denn bitteschön gehen? Er hört es immer wieder.

 

Ganz in seinem Element

 

Der 34-Jährige sitzt in seinem Bürosessel im vierten Stock mit freier Sicht auf Braunschweig, nur dass er die Dächer der Stadt nicht sehen kann. Mit dem dicken Kopfhörer über dem runden, weichen Gesicht und den feinen Händen, die über das Braille-Display gleiten, ähnelt er einem DJ, der Beats abmischt. Gerade arbeitet er an einem Informationssystem, das die Sensoren von Crashtest-Dummys in der Automobilindustrie verwalten soll. Seine Finger flitzen über die Tasten, er ist ganz in seinem Element. Die Aufgabe bereitet ihm nicht nur Spaß, sie erfüllt ihn auch mit Genugtuung. Er ist stolz, das bekommen zu haben, was er immer haben wollte: einen guten Job als Programmierer.

 

Heiko Folkerts programmiert für die DAVID GmbH, einem Unternehmen aus Braunschweig, das Software und IT-Systeme entwickelt. Er teilt sich das Büro mit einem Kollegen, der sich am Anfang schwer wunderte. Über ihn, den blinden Programmierer, und über das ganze Zeugs, das er ins Büro schleppte und auf dem Schreibtisch ausbreitete.

 

Sein Braille-Display mit integrierter Computertastatur besteht aus einer Zeile mit 88 Zeichen und kostete ein Heidengeld. Wenn er wie jetzt daran arbeitet, hüpfen acht Stößel in einer Tour rauf und runter und berühren seine Fingerspitzen. Sie übersetzen ihm das, was der Bildschirm anzeigt, in die Blindenschrift. Wer nicht sehen kann, der muss halt fühlen.

 

Computer statt Klavier

 

Dass er seit der Geburt blind ist, war für Heiko Folkerts immer ein Antrieb. Er wollte nie einen typischen Blindenberuf ergreifen, nicht Masseur, Klavierstimmer, Schreiner werden. Oder im Callcenter Münzen verkaufen. Weswegen er manch gut gemeinten Vorschlag von Sehbehinderten-Organisationen wissentlich überhörte, um sich aus dem engen Berufskorsett befreien zu können. Rundum-Sorglos-Pakete können auch träge machen, findet er.

 

Sein Vater und seine Mutter, beide selbst sehbehindert, mussten in Heiko Folkerts Heimatstadt Aurich einige Widerstände überwinden, bis er wie die anderen Mädchen und Jungen am Grundschulunterricht teilnehmen durfte. Die Diktate schrieb er auf der Schreibmaschine. „Aber wehe, dem Farbband ging plötzlich das Schwarz aus.“ Auch wegen seines Humors ist er bei den Kollegen beliebt.

 

Wie bei einer ganzen Generation entfachten die achtziger Jahre auch bei Heiko Folkerts die Faszination für Bits und Bytes. Sein erster Rechner war der C16 aus der Produktion von Commodore, das sich in den goldenen Jahren der Homecomputer mit dem anderen Computergiganten im Wettbewerb, mit Atari, den Markt teilte. Der Commodore-Arbeitsspeicher erscheint aus heutiger Perspektive mit 16 Kilobytes winzig klein. Der Speicher eines gängigen 2-Gigabyte-Notebooks ist mittlerweile 125.000 Mal so groß.

 

„Die beste Investition“

 

Die Eltern erkannten damals das Talent und die Begeisterung ihres Sohnes, der nach Schulschluss seine Tasche in die Ecke warf, sich an den Rechner setzte und die Programmiersprache Basic büffelte. Sie nahmen ein Darlehen auf und kauften ihm für 30.000 Mark einen besseren Computer, dazu eine Braillezeile und ein Bildschirmleseprogramm. Er ist ihnen noch heute dafür dankbar. „Das war die beste Investition, die meine Eltern in meine Zukunft machen konnten.“

 

Was vor 20 Jahren Bildschirmleseprogramm hieß, heißt heute Screenreader. Er gibt den Inhalt des Bildschirms akustisch wieder – mit dem blechernen Tonfall eines Alien, der eben unsere Sprache entdeckt hat. Wenn Heiko Folkerts der mechanischen Stimme lauscht, fällt sein Blick am Monitor vorbei ins Leere. Und dennoch navigiert er spielerisch leicht durch die Programmebenen, bewegt er sich durch die komplexe Welt der Algorithmen und fügt ihr ein paar neue hinzu. Er kann nicht sehen, wenn andere ihn verwundert und bewundernd betrachten. Aber er kann es spüren. Er zuckt dann mit den Schultern und sagt: „Das Programmschreiben hat schon immer verwirrend gut funktioniert.“

 

Heiko Folkerts findet sich in den verflochtenen Strukturen einer Software im Blindflug zurecht. So wie er auf dem Weg zur Arbeit am Klicken der Weichen erkennt, welche Straßenbahnlinie in die Haltestation fährt, so bieten auch Programme für ihn Anhaltspunkte, die jedem anderen verborgen bleiben. „Ich betrachte Softwaremodelle von ihrer abstrakten Seite“, versucht er seine Sicht der Dinge zu erklären, „wenn man mir logisch beschreibt, welche Aufgaben eine Software erfüllen soll, dann reicht mir das schon, um mit dem Programmieren anzufangen.“

 

Trotz Partys: Note sehr gut

 

Während seines Informatik-Studiums gestalteten sich die Dinge weniger einfach. Als Heiko Folkerts zum ersten Mal im Seminar sitzt, der Professor die Tafel voll schreibt und die Kommilitonen still ihre Notizen machen, muss er all seinen Mut zusammennehmen und die Stille stören: „Wenn Sie nicht vorlesen, kann ich nicht mitmachen.“

 

Das Studium erweist sich als harter Brocken. Transistoren, Kondensatoren und Widerstände zu einem integrierten Schaltkreis zusammenstecken – diese Hürde ist auch für ihn zu hoch. Weil er das Studentenleben auskostet und ein paar Partys zuviel feiert, fällt er durch die Physikprüfung. Das Studium beendet er trotzdem mit der Note sehr gut.

 

Heiko Folkerts spielt Gitarre, geht ins Fitness-Studio, kann Judo. Er hat sich in Kerstin verliebt und sie geheiratet. Er möchte ein ganz normaler Typ sein und nicht anders als andere behandelt werden. Wenn in der Straßenbahn plötzlich jemand an seinem Ärmel reißt und ihn auf einen freien Sitzplatz zerrt, dann macht ihn das ziemlich ärgerlich. Doch er ist Realist genug, dass es in seinem Job ohne fremde Hilfe nicht geht. Wenn den blinden Programmierern in Deutschland niemand unter die Arme greift, müssen sie ihren Beruf aufgeben – der technische Fortschritt droht sie zu überholen.

 

Die Entwicklungen der Informationstechnologie sind ein Segen, das schon. Sie machen vieles leichter, indem sie Texte scannen, darstellen, vorlesen. 700.000 sehbehinderte und blinde Menschen in Deutschland profitieren davon, dass die Branche in immer kürzeren Abständen immer hochwertigere Software auf den Markt spült. Doch sind diese Programme dazu da, Blinden den Alltag zu erleichtern. Software, die auf die Bedürfnisse blinder Programmierer zugeschnitten sind, gibt es nicht. Blinde Programmierer? Wie soll das denn bitteschön auch gehen?

 

Heiko Folkerts schätzt, dass es in Deutschland fünfzig Programmierer gibt, die nicht sehen können. Als Vorsitzender der Bundesfachgruppe IT im Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband hat er einen guten Überblick über die Szene und weiß, welche Sorge sie bewegt. „Umstellungen am Arbeitsplatz sind für uns das größte Problem.“ Neue Entwicklungen bedeuten immer auch Veränderungen, das Verlassen vertrauter Strukturen. Jedes schnellere, bessere Programm mit ungewohnten Funktionen und Diensten birgt die Gefahr, „dass wir aus dem Arbeitsprozess ausgeschlossen werden“.

 

Schlechte Sichtverhältnisse

 

Programmierer benötigen Software als Mittel zum Zweck, etwa die Computerarchitekturen aus dem Hause von IT-Giganten wie Microsoft und Sun, die das Fundament für die Entwicklungen kleinerer Unternehmen wie DAVID legen. Haben es die Großen versäumt, sich mit den Anforderungen für eine blindengerechte Nutzung auseinanderzusetzen, ist die Navigation durchs Programm für den blinden Programmierer wie eine Autofahrt durch Nacht und Nebel für die Sehenden. Die Sichtverhältnisse verschlechtern sich und es wird zappenduster. „Und dann“, sagt Heiko Folkerts, „bin ich wirklich blind.“

 

Vielen Entwicklern fehle das technische Know-how, um die Programme auf die Bedürfnisse blinder IT-Profis auszurichten, meint er. Und manch einer denkt sich wohl, „dass sich der ganze Aufwand nicht lohnt“. Gerade einmal 50 blinde Programmierer – sie sind im Vergleich zu 700.000 blinden und sehbehinderten Menschen keine besonders attraktive Zielgruppe. Heiko Folkerts bezweifelt, dass blinde Programmierer sich noch lange im IT-Bereich halten werden. Er fühlt sich „wie auf dem Schleudersitz“.

 

Sollte der technologische Fortschritt weiter so schnell voranschreiten und blinde Programmierer darin keine Rolle spielen, werden sie langsam von der Bildfläche verschwinden. Von heute auf morgen sehen können möchte Heiko Folkerts trotzdem nicht. „Ich würde doch nichts gewinnen. Sondern nur das verlieren, was ich mir mein ganzes Leben aufgebaut habe.“

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